11 Prinzipien, nicht nur für Aikido

Könntest du für dich leitende Prinzipien deines Aikido formulieren? So lautete eine Frage im Aikido Forum an mich und kurz entschlossen habe ich 11 Prinzipien formuliert. Daran schloss sich eine weitere Diskussion an und ich bringe hier eine zusammenhängende Darstellung meiner Ausführungen dort. Wer das im Original nachlesen möchte, bitte hier entlang: http://www.aikidoforum.de/index.php und im Forum Kote Gaeshi mit beeindruckendem Fall werfen unter 16. März 2010 nachlesen.

Die hier formulierten Prinzipien habe ich mir nicht ausgedacht, sondern die sind mir besonders hängengeblieben, insbesondere auf Lehrgängen mit watanabe sensei.

1. Prinzip: Vor jeder Bewegung sich selbst zerstören.
Meine Interpretation:
Gemeint ist für mich damit folgendes: gehe ohne Vorurteil in eine Situation. Wisse nicht schon, welche Technik Du machen wirst und lauere darauf, dass endlich der Zeitpunkt kommt, wo Du diese einsetzen kannst. Man kann auch sagen: Erfinde Dich jedesmal neu. Vergiss alles, was Du gelernt hast. Alles so ähnlich. Es geht also in keinem Fall darum, sich selbst oder anderen Schmerzen zuzufügen! Es ist eine innere Haltung, um die es geht.

2. Prinzip: Alles beginnt mit irimi.
Meine Interpretation:
Bündele Deine Kraft (sowohl körperliche als auch geistige) und richte sie nach vorne. Es geht nicht darum, eine Konfrontation zu provozieren oder in einen anderen hinein zu stoßen. Oft kann dies durch heranziehen des hinteren Fußes zum vorderen Fuß erreicht werden. In jedem Falle ist es eine aufrechte Haltung, die man einnimmt. Im Aikido gibt es die Basisbewegung, die als irimi tenkan bezeichnet wird: Nach vorne und dann rückwärts. Viele verstehen unter diesem vorwärts einen Schiebeschritt (jap. tsugi ashi). Damit vermeidet man auch eine direkte Konfrontation. Aber stärker ist das Schließen der Füße und Knie.

3. Prinzip: Beim ersten Kontakt ist alles schon geschehen.
Meine Interpretation:
Es kommt darauf an, wann für Dich der erste Kontakt ist und was dann alles schon geschehen ist. Der – wahrscheinlich – allererste Kontakt findet statt, wenn Du den anderen wahrnimmst. Ab da beginnt schon das ganze Spiel. Ich meine in dem Prinzip aber tatsächlich den ersten physischen Kontakt. Sobald der da ist, ist im selben Augenblick auch schon alles klar. Warum nicht früher? Der andere kann auch weg gehen, den Angriff abblasen, etc. Mein Lieblingsbild dazu ist das von Michelangelo, in dem Gott den Lebensfunken oder die Seele auf Adam überträgt. Das ist der Augenblick.

4. Prinzip: Die konkrete Technik passiert (und wird nicht gemacht).
Meine Interpretation:
Wenn man die richtige Haltung einnimmt und der Angreifer weiter angreift, so ergibt sich die Technik. Man muss sie nicht erzwingen. Nur abwarten. In dem Augenblick, wo alles stimmt, löst sich der Angriff in Bewegung auf. Du musst selbst davon überrascht werden, wenn es passiert.

5. Prinzip: In der Bewegung weder ein, noch aus atmen.
Meine Interpretation:
Einatmen führt zum Verlust der Balance, wenn genau in dem Augenblick ein Angriff kommt. Ausatmen führt tendenziell dazu, dass die inneren Organe zusammen gedrückt werden und die aufrechte Haltung verloren geht. Solange Du ausatmest, kann der andere auf Dich zu kommen. Atme einfach langsam durch leicht geöffente Lippen nach unten aus. Dies ist die beste körperliche und geistige Vorbereitung vor einem Angriff. Kurz vor dem Kontakt (siehe 3. Prinzip) scharf durch die Nase einatmen und dann locker anhalten. Am Ende der Bewegung ausatmen.

6. Prinzip: Warte nicht. Gehe.
Meine Interpretation:
Du sollst nicht darauf warten, angegriffen zu werden, um Dich dann zu bewegen. Mache Dich frei von der Initiative eines anderen. Es ist wichtig, auch beim Üben als sogenannter Verteidiger aktiv zu sein.

7. Prinzip: Habe keine Angst davor, getroffen zu werden.
Meine Interpretation:
Sobald die Angst vor dem getroffen werden da ist, geht die aufrechte Haltung verloren. Du wirst kleiner und fühlst Dich auch so. Die eigene Initiative geht verloren und der Angreifer bestimmt den Rhythmus. Beim Training sollte es sowieso kein Problem sein, auszuprobieren, wieviel Du einstecken könntest. Aber nicht übertreiben damit! Dieses Prinzip heißt nicht, gehe ohne Rücksichtnahme auf Dich selber in einen Angriff hinein. Aber ohne diese innere Haltung wird irimi nicht funktionieren.

8. Prinzip: Du musst zuschlagen wollen, um nicht zuschlagen zu müssen (bei atemi).
Meine Interpretation:
Sonst wird die Haltung, in der ein atemi „angeboten“ wird, nicht geglaubt. Der andere hat keine Veranlassung, Körperhaltung oder Bewegung zu ändern. Du musst aber auch zuschlagen können. Oft ein großes Problem für Menschen, die Aikido üben. Denn sie wollen gerade nicht aggressiv sein. Es ist eines der Widersprüche im budo, die logisch nicht aufzulösen sind. Die Verwirklichung dieses Prinzips ist jenseits von aggressiv sein müssen oder wollen. Rational betrachtet, erzeugt man eigentlich nur eine glaubwürdige Illusion in der Wahrnehmung des anderen. Es ist ein wenig wie mit den Tricks von guten Zauberkünstlern.

9. Prinzip: Greife richtig an (als uke).
Meine Interpretation:
Das ist wichtig für das Üben. Wie ich schon in einem früheren Beitrag schrieb, lernt man beim Aikido indirekt das Angreifen. Das Angreifen dient als Mittel zum Zweck des Aikido-Lernens, d.h. des Verteidigens. Ohne einen guten Angriff kann man keine gute Aikido-Bewegung machen. Man kommt oft mit weniger aus. Gut angreifen heißt, dieselben Prinzipien befolgen, wie beim Aikido selber. Erst dann wird der Angriff zu einer Aufgabe und Herausforderung für den Partner, auf die einfache Antworten ungenügend sind.

10. Prinzip: Die unsichtbare Hand ist die wichtige.
Meine Interpretation:
Es ist oft die hintere Hand, die unsichtbar ist bzw. auf der nicht die Aufmerksamkeit des uke liegt. Ganz einfach schon bei tai sabaki. Die vordere Hand ist uninteresant, die hintere ist wichtig. Oder bei ai hanmi. Wenn Du Dich vom Greifen Deiner Hand gefangen nehmen lässt, wird es schwierig. Strecke einfach die hintere Hand steil nach oben, als ob Du ein Schwert in jodan hoch heben würdest. Sofort wird der uke kleiner. Das meine ich. Damit wird die Aufmerksamkeit des uke zerteilt: Einerseits auf den eigenen Angriff und andererseits auf diese Hand, die da an einer ganz anderen Stelle erscheint. Die Rolle der unsichtbaren Hand wechselt während einer Bewegung mehrmals zwischen rechts und links. Überlasse dem Anderen immer Deine sichtbare Hand und lenke Deine eigene Aufmerksamkeit auf die unsichtbare.

11. Prinzip: Lächle (von Herzen).
Meine Interpretation:
Versuche es immer wieder. Gerade dann, wenn Du Dich konzentrierst. Sobald Du lächelst, wird Dein Gesicht weich, Du kannst die Schultern gar nicht mehr so anspannen. Es entsteht ein gelöstes Körpergefühl. Und auch der Angreifer wird weicher. Wir Menschen nehmen sehr genau wahr, in welchem emotionalen Zustand andere Menschen sind und wir neigen dazu, diesen bei einer Interaktion zu reflektieren. Alles wird leichter, wenn man es mit einem Lächeln machen kann. Klingt abgedroschen, stimmt aber. Deshalb muss man nicht auf Friede, Freude, Eierkuchen machen. Man kann einen mit einem richtigen Lächeln richtig werfen.

*veröffentlicht von Thomas Christaller auf thomas-landstrasse.blogspot.de/ *

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