Aikido ist eine Verteidigungskunst

Alle Darstellungen von Aikido betonen den friedfertigen Charakter dieser Kampfkunst. Das entscheidende Merkmal, so liest man, besteht darin, dass man im Aikido sich nur verteidigt und nicht angreift. Das klingt gut. Schauen wir uns aber ein typisches Training an: da gibt es immer einen „Angreifer“ (jap. uke) und einen „Verteidiger“ (jap. tori oder nage). Beim normalen Training wird sowohl die Technik für den tori angesagt (das ist die eigentliche Aikido-Verteidigungstechnik), als auch die für den uke und zwar die Art und Weise, wie er oder sie angreifen soll! Zum beispiel shiho nage omote (eigentliche Aikido-Technik) gegen shomen uchi (Angriffstechnik).

Warum ist das so?

Damit die Verteidigung Sinn macht, muss man wissen, worin der Angriff und dessen Gefahrenpotenzial überhaupt besteht. Und merkwürdig, das wird einem beim Aikido-Unterricht auch beigebracht. Man lernt also beim Aikido sehr wohl anzugreifen. Ja, die Herausforderung besteht darin, so gut anzugreifen, dass der tori die Aikido-Technik so gut wie nur irgend möglich ausführen muss, damit der Angriff nicht durchkommt oder trifft.

Offensichtlich gilt: Ohne Angriff benötigt man keine Verteidigung. Wenn keiner angreift, gibt es keinen Bedarf für eine Aikido-Technik. Wenn man „schlecht“ angreift, also zum Beispiel ineffizient, dann braucht man oft auch keine Aikido-Technik: Der „Angriff“ geht daneben, erreicht einen nicht, ist kraftlos, es steckt nichts dahinter. erst wenn ein Angriff gut vorgetragen wird, entsteht die Notwendigkeit, sich wirklich zu verteidigen und damit entsteht auch der Bedarf für eine Aikido-Technik.

Ich meine also, wir lernen beim Aikido-Training das Angreifen und zwar genau so gut wie das Verteidigen. Das macht nicht nur Sinn, um überhaupt üben zu können. Es macht deshalb Sinn, weil ich nur dann, wenn ich weiss, worin eigentlich das besondere in einer bestimmten Angriffsform besteht, wissen kann, welche Aikido-Technik dazu passt! Zwar wird im Aikido Curriculum und bei Prüfungen fast jede Aikido-Technik für jede Angriffsform verlangt, aber in einer konkreten Situation legt ein Angriff eine Technik nahe und schliesst andere eher aus. Beim randori, dem mehr oder weniger freien Spiel zwischen tori und uke, merkt man das besonders.

Es kann bei Prüfungen passieren, dass der Prüfer von dem Partner eines Prüflings verlangt, er soll „richtig“ angreifen. Es gibt also im Aikido ein Verständnis davon, was ein richtiger und was ein falscher Angriff ist. Ein in diesem Sinne falscher Angriff besteht darin, dass dafür keine Aikido-Technik notwendig ist, um dieser Bewegung zu begegnen. Bei Vorführungen sind genau die Momente besonders beeindruckend und überzeugend, wenn der uke „richtig“ angreift. Dann kann man verstehen, warum Aikido tatsächlich eine Kampfkunst und nicht nur ein Bewegungssystem ist, das einem Tanz gleicht.

Es gibt zahllose Bücher über Aikido. In allen mir bekannten werden die Aikido-Techniken ausführlich erklärt. Aber die Angriffe werden nur oberflächlich dargestellt. Ich kenne nur ein einziges Buch, in dem die Angriffsbewegungen wirklich erklärt werden und zwar in Stefan Stenudd: „Attacks in Aikido“. Liest man das durch, so stellt man etwas verwundert fest, dass das Angreifen im Aikido eine zentrale Rolle spielt, alles andere als einfach ist und alle Aikido-Techniken nur dann einen Sinn machen, wenn man das Angreifen verstanden hat.

Ist also Aikido keine reine Verteidigungskampfkunst? Ja und Nein. Es kommt darauf an, was wir mit unserem Wissen und Können anfangen. Wenn das bisher gesagte stimmt, dann können wir im Aikido, wie in allen anderen Kampfkünsten, Angriffstechniken lernen und auch effizient vortragen. Aber die Angriffe dienen im Aikido Training als Mittel zum Zweck. Sie sind die Brücke, der Impuls, die Veranlassung aus der heraus eine Aikido-Bewegung entstehen und sinnvoll sein kann. Das Ziel des Aikido-Trainings besteht eben darin, selbst bei einem sehr gut vorgetragenen Angriff eine angemessene, weiche, aber klare Bewegung durchzuführen, an derem Ende der Angriff sich auflöst. Das Ziel im Aikido besteht nicht darin, effizient anzugreifen. Man lernt das nebenher.

*veröffentlicht von Thomas Christaller auf thomas-landstrasse.blogspot.de/ *

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