Die Schrecksekunde und das Kampfsystem, was sie entdeckte

Immer wieder gibt es Ankündigungen von jemandem, der das ultimative Selbstverteidigungs- oder Kampfsystem entdeckt hat. Und worauf niemand sonst vorher drauf gekommen ist. Und so erhielt ich auch eine Anfrage, ob wir nicht in einer Kooperation mit unserem Zentrum ein solch neuartiges System anbieten wollten. Ich habe mir die Webseiten angeschaut und dann wie folgt geantwortet. Auf die gut geschriebene Erwiderung bin ich nicht mehr eingegangen. Aber beim wieder durchlesen fiel mir auf, dass es noch ein paar weitere Punkte gibt, die in meiner Antwort fehlten. Diese werden in einem weiteren Eintrag später behandelt.

In diesem Fall spielt die Schrecksekunde eine große Rolle. Zu Recht wird in dem System darauf verwiesen, wie gefährlich es ist, der Schrecksekunde im angeborenen Reflex nachzugeben. Also es geht darum, wie wir reagieren, wenn wir überraschend in einen Kampf verwickelt werden. Und auf diesen Aspekt konzentriere ich mich hier. Denn dies spielt auch im Aikido eine große Rolle.

Lieber Herr …,

vielen Dank für Ihren Anruf und die Email. Ich musste doch am Samstagvormittag in unser Zentrum zum Training kommen, deshalb haben Sie mich nicht wie zugesagt erreicht.

Die „schlechte Nachricht“ zuerst:
Ich … habe(n) kein Interesse daran, Veranstaltungen dieser Art bei uns im Zentrum durchzuführen.

Lassen Sie mich dies ein klein wenig erläutern, denn aufgrund Ihrer Webseite und dort vorhandener Biografie, habe ich ohne dass wir uns bisher begegnet sind, von Ihrer Person einen guten Eindruck.

In meinen vielen Jahren des Übens habe ich verschiedentlich „neuartige“ Systeme kennen gelernt und auch alles mögliche über „Selbstverteidigung“, „hochwirksame Techniken“, etc gehört und ein wenig gesehen. Und ich habe Verständnis dafür, dass das geschieht. Es geschieht andauernd in den sogenannten klassischen japanischen budo-Schulen genau so, wie ausserhalb davon. Nach meiner Meinung geschieht dies häufig, weil jemand „unzufrieden“ ist mit den vorhandenen Systemen, eine für ihn (meistens sind es ja Männer, die das machen) wichtige Erfahrung oder Erkenntnis, die sich so nicht in anderen Systemen wiederzufinden scheint. Und viele budo-Arten sind heutzutage Wettkampfsysteme mit fest gelegten Regeln, Gewichts- und Altersklassen (sowieso Frauen und Männer getrennt), Schiedsrichtern, die auf die Einhaltung der Regeln achten, festen Wettkampfterminen etc. oder sie versuchen sehr eng an kata-Formen entlang zu üben, mehr als man denkt, ohne sehr viel Hintergrundwissen über diese kata und die Prinzipien, die dahinter stehen.

Und neben der physischen Fitness und Beweglichkeit, die sich an bestimmten Bewegungsmustern orientieren, sind es eigentlich die zu Grunde liegenden Prinzipien, die allen (oder zumindest vielen) budo-Systemen zu Grunde liegen. Es ist dann eigentich egal, welches System man physisch übt. Das hängt eher vom Zufall ab, Neigung, Vorerfahrungen und vor allem dem Lehrer, den man antrifft.

Und alle diese Prinzipien sind empirisch erprobt. Ursprünglich auf dem Schlachtfeld, später in den Zeiten von heimtückischen Attentaten und Überfällen und erst ab ca 1890 zunehmend nur noch als Erinnerung an solche Zeiten. durch die Kriege, die Japan bis in die Neuzeit geführt hat, sind einige dieser Erfahrungen noch bei einigen vorhanden, aber in aller Regel gibt es keine eigenen Kampferfahrungen bei den allermeisten, die in irgendeinem budo-System üben. Das muss auch nicht unbedingt sein, denn eine Welt, in der wir Menschen ohne physischen Kampf, ohne Überfall zusammen leben können, wäre ja eigentlich ganz schön.

Das ist aber nicht so und ich gehe auch davon aus, dass dies nie der Fall sein wird. Wir haben in Europa im Augenblick nur sehr viel Glück. Keine Kriege, keine Revolutionen, keine Hungersnöte. Im Großen und Ganzen geht es den meisten gut und es gibt keinen Bedarf an Kampferfahrung. Trotz der Medienberichte geht die Kriminalität zurück. Es verlagern sich die Schwerpunkte. Aber gemessen an einer 80+ Millionen Einwohnerschaft ist es eben ein aufregendes Ereignis, wenn EIN Mensch brutal überfallen, verletzt oder sogar getötet wird. Das ist so einmalig, dass man sofort anfängt zu überlegen, ob man nicht schärfere Gesezte braucht etc.

Also: Ich glaube, es gibt eigentlich rational betrachtet keinen Bedarf an Aikido, Karate, Krav Maga oder Blauer System. Es gibt andere Gründe, warum Menschen derartiges lernen wollen. Und einer der Gründe kann sehr wohl Angst vor physischen Übergriffen sein. Und zwar egal, ob die Angst begründet ist oder nicht.

Und zumindest bei der Art von Aikido, wie ich sie gelernt habe und selber unterrichte, ist der Umgang mit der eigenen Angst ein wichtiger Punkt. Nicht der einzige, aber doch schon ziemlich zentral. Und es gibt eine ganze Reihe von Übungen oder didaktischen Mitteln, die sich im Aikido erhalten haben oder neu entwickelt wurden, um das auch zu unterrichten. Und da ich im Austausch auch mit anderen budo-Lehrern stehe, habe ich den Eindruck, dass das ziemlich ähnlich auch in anderen Systemen vorhanden ist und nicht von allen, aber doch einigen Lehrern unterrichtet wird. Es kommt meines Erachtens in erster Linie auf den Lehrer an, ob jemand einen Weg findet, auf dem er oder sie lernt, mit der eigenen Angst umzugehen. Das physische System ist nur ein Mittel für den Zweck.

Da ich über viele Jahre mit ziemlich guten Wissenschaftlern aus der Psychologie, Verhaltensbiologie und Hirnforschung zusammengearbeitet habe, kenne ich auch viele Arbeiten zu unserem sensomotorischen System, wie das funktioniert, wo Stärken sind und Schwächen. Und ich kann dieses westliche wissenschaftliche Wissen sehr gut in Einklang bringen mit dem Erfahrungswissen, das im Aikido überliefert wird. Und daraus folgt für mich, dass es keinen sachlichen sondern immer nur einen persönlichen Grund gibt, ein ganz neues System zu entwickeln, etwas einmaliges an Erkenntnis zu postulieren, etc. Wenn man genauer hinschaut: Es ist schon immer alles da gewesen.

Das ist auch kein Wunder, denn für Aikido, Jujutsu, Boxen, Wrestling geht es immer um Menschen. Und alle haben in der Regel zwei Arme, zwei Beine, den Kopf oben, die Füße unten, die Nase vorne und den Hintern hinten. Die Gelenke sind bei allen an denselben Stellen, für dieselbe Funktion, mit denselben Möglichkeiten. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen trainiert und untrainiert, beweglich und unbeweglich. unerfahren (im kämpfen) und erfahren. Aber es sind überall und immer dieselben Grundvoraussetzungen.

Deshalb glaube ich nicht an patentierbare Methoden im Umgang mit Menschen. Ich glaube nicht daran, dass es ein ganz neuartiges überlegeneres System gibt. Es gibt gute und schlechte Lehrer. Es gibt gute und schlechte „Kämpfer“ oder budo-ka. Aber das sagt nur was über die Person aus, nicht über ein System, was derjenige übt und praktiziert. zB Steven Seagal mag knallhart sein, aber ich glaube, dass er nicht viel vom Aikido verstanden hat – jenseits von Techniken. wenn man ihn sieht, wird man Aikido nicht verstehen. Und ich denke, dass das im positiven und negativen für alle diese Systeme zutrifft. Um ein für mich positives Beispiel zu nennen, Bruce Lee, der nach meiner Einschätzung sehr viel vom Karate und Kämpfen insgesamt verstanden hat.

Zum Schluss – neben dieser grundsätzlichen Skepsis gegenüber Behauptungen, dass man etwas ganz neues gefunden hat – bin ich (schon immer) konservativ gewesen, was das unterichten angeht und wie man als Lehrer zu Schülern kommt: über Mundpropaganda. Viele, die zu uns kommen, kommen, weil jemand sie auf uns aufmerksam gemacht hat. Das reicht. Letzthin rief einer an und wollte Aikido lernen. Er hatte Steven Seagal Filme oder Clips gesehen. Eine seiner ersten Fragen war, wann man den Schwarzgurt machen kann. Nachdem ich ihm gesagt habe, dass ich den nach 11 Jahren bekommen habe, habe ich nie wieder was von ihm gehört.

Ich hoffe, dass ich nicht zu „besserwisserisch“ klinge, das will ich gar nicht sein. Ich habe auch nur eine beschränkte Sicht und Erfahrung – wie jeder Mensch. Aber mir schien, dass Sie das vielleicht doch interessiert, warum ich nicht auf Ihre Anfrage weiter eingehen möchte.

mit freundlichen Grüßen,
Thomas Christaller

*veröffentlicht von Thomas Christaller auf thomas-landstrasse.blogspot.de/ *

2 thoughts on “Die Schrecksekunde und das Kampfsystem, was sie entdeckte

  1. Lieber Thomas,
    Deinen Ausführungen in dem veröffentlichen Antwortschreiben kann ich sehr gut folgen und teile diese uneingeschränkt. Es ist zu einer Unart in unserer Gesellschaft geworden, den Dingen einen neuen Namen zu geben und zu glauben damit mehr Erfolg haben zu können. Hierzu gibt es unzählige Beispiele – nicht nur im Kampfsport.
    Nobel finde ich es von Dir, dass Du Dich so ausführlich mit der Anfrage auseinander gesetzt hast ohne belehrend zu wirken.
    Jürgen

    1. lieber jürgen,
      vielen dank für Deinen kommentar zu diesem kurzartikel. es ist ja schon eine weile her, dass ich den geschrieben habe, aber bis auf ein paar orthografiefehler stehe ich eben heute noch dazu.
      herzliche grüße,
      thomas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.