Ein offenes Herz

Derjenige, der eine Aikido-Technik ausübt oder anwendet, heißt auf japanisch tori. Das wird üblicherweise mit „der, der nimmt“ übersetzt. Stefan Stenudd weist darauf hin, daß das kanji für tori 取り für jemanden steht, der einen anderen am Öhrchen zieht. Eine auch in unserer Kultur nicht unbekannte Geste, um jemanden zu ermahnen oder „auf den rechten Weg zu führen“ (Stefan Stenudd: Aikido. Seite 132). Beim Üben erwartet der tori den Angriff des uke und „wandelt“ diesen um in einen Wurf (jap. nage waza) oder einen Haltegriff (jap. osae waza).
Diese Erwartungshaltung wird oft mit kamae bezeichnet. In fast allen dojo, die ich kenne, wird die folgende Haltung (jap. hanmi gamae) eingenommen: ein Fuß steht vorne, der andere hinten im rechten Winkel dazu und die jeweilige Hand genau über dem Fuß. Der Körper ist ungefähr 45° abgewinkelt. Der Angreifer ergreift zum Beispiel mit einer oder mit beiden Hand den Unterarm bzw. das Handgelenk des am nächsten erreichbaren Armes vom tori. Üblicherweise wird erklärt, dass im Augenblick der Berührung, tori mit seiner Bewegung startet.
Meine Frage hier lautet: Stimmt das eigentlich?
Das Einnehmen der Erwartungshaltung und warten, bis die Berührung stattfindet, gehören zusammen. Denn wenn wir normal gehen, kommt hanmi gamae nie vor. Es wäre zumindest sehr merkwürdig, wenn wir jeden Schritt so ausüben würden, dass immer dann, wenn wir einen Fuß nach vorne absetzen, wir uns in dieser Haltung befinden. Beim normalen Gehen schwingt zwar auch das Becken vor und zurück, aber nie so stark, dass der Körper diese 45° erreicht, wie sie für die hanmi Haltung so typisch ist.
Meine Behauptung lautet: wenn wir normal gehen, dann kommen wir nie in die hanmi Haltung und wenn wir in der hanmi Haltung sind, können wir nicht gehen. Aus hanmi kann man leicht einen Schiebeschritt machen (jap. tsugiashi). Dabei bleibt der vordere Fuß vorne und der hintere hinten. Wenn der Schiebeschritt beendet ist, befindet man sich wieder in derselben hanmi Haltung wie vorher, lediglich um 50-60cm weiter vorne oder hinten.
Wenn wir normal gehen, gibt es folgende Möglichkeit in die hanmi Haltung zu kommen. Wir ziehen den hinteren Fuß an den vorderen heran oder umgekehrt den vorderen zurück an den hinteren. Beide Füße stehen parallel und daraus gehen wir dann in die hanmi Position. Damit wird hanmi eine Zwischenstation oder der fließende Übergang aus einem normalen Gehen und sich Bewegen zum Start einer Aikido-Technik und nicht der Ausgangspunkt.
Wie passt dann aber die Bewegung des uke da hinein? Mein Vorschlag lautet: Wir machen aus einer normalen alltäglichen Bewegung heraus ein Angebot an den uke. wir bieten dem uke an, uns auf eine bestimmte Weise anzugreifen. oder anders formuliert, wenn jemand die Rolle des uke übernehmen will, dann legen wir ihm eine Art des Angriffes nahe. Nahe legen heißt hier, der Angriff ist plausibel, kann effizient und effektiv vorgetragen werden. Und, jeder andere Angriff ist umständlicher oder leichter zu begegnen als dieser plausible Angriff.
Die Initiative geht hier also vom tori aus. Er (oder Sie) macht ein Angebot. Der uke entscheidet eigentlich nur, ob er (oder sie) das Angebot annehmen will oder nicht. Das Angebot muss ernst gemeint sein. Der uke muss eine wahrhaftige Chance sehen, erfolgreich angreifen zu können. Wenn diese Chance nicht gegeben wird, wird der Angriff zur farce, zur Verabredung, zur Choreografie von Bewegungen, die wie Aikido-Bewegungen aussehen, es aber nicht sind. Der tori muss meiner Meinung nach das Risiko eingehen, getroffen zu werden. Er muss sich wirklich öffnen, damit der uke eintreten kann, den Sicherheitsabstand verlässt und auf den tori eindringt. Denn umgekehrt öffnet jeder Angriff mindestens eine Schwachstelle beim uke.
Niemand wird diese Schwachstelle freiwillig (als Angreifer) anbieten, wenn keine Chance besteht, erfolgreich anzugreifen. Wenn der tori kein Angebot macht, der uke sich aber zum Angriff entschließt, dann wird die Situation im hohen Maße für den tori unberechenbar. Wenn der tori versucht, sich gegen jeden denkbaren Angriff des uke zu schützen, dann wird der uke so lange die Deckung testen, bis er eine Schwachstelle gefunden hat. Beide Strategien sind für den tori mit einem deutlich größeren Risiko verbunden als ein ernsthaftes Angebot der Schwäche zu machen.
Dies halte ich für eine der schwierigsten Übungen im Aikido. Zu lernen, ernsthafte Angebote der Schwäche, der Verletzlichkeit zu machen. Tue ich nur so und lauere auf den Moment, zu dem ich dann endlich die angesagte Technik anwenden kann, so wird der uke höchstens halbherzig kommen. verharre ich in dem Angebot, so trifft mich der Angriff. Ich darf also weder eine enge Aufmerksamkeit haben, noch Angst. Was bleibt, ist eine freundliche Gelassenheit dem uke gegenüber.
So, wie ich meinen besten Freund begrüße und meine Haltung ihm gegenüber zum Beispiel das Angebot einer Umarmung enthalten kann. Mein Freund wird genau registrieren, ob meine angebotene Umarmung ernst gemeint ist. Nur wenn er sieht und spürt, diese Umarmung ist herzlich, wird er sie annehmen und erwidern. Mit genau demselben Gefühl kann man dem uke begegnen. Ich muss ihm mit demselben offenen Herzen begegnen, wie meinem besten Freund, meiner Frau oder meinen Kindern.
Mal angenommen, da ist was dran. Wie kann es dann weitergehen? Ich öffne mich dem uke auf eine bestimmte Art und Weise, zum Beispiel so, dass er katate rote dori angreifen kann (er fasst mit beiden Händen einen meiner Unterarme). Wie kann daraus eine Aikido-Technik entstehen, die die Angriffssituation auflöst, den Angriff ins Leere gehen lässt? Bei einer liebevollen Umarmung einigen sich beide Menschen unbewusst darauf, welcher Arm weiter unten sich um den körper des anderen schlingt und der andere um Hals und Schulter. Wo der eine seinen Arm unten hat, muss der andere seinen Arm oben haben und umgekehrt. Die beiden Bewegungen passen wie Schloß und Schlüssel zu einander und werden ohne zögern, verhaken, anstoßen miteinander synchronisiert. Sprachlos. Sie Körper bewegen sich ganz frei, die Umarmung geschieht. Beide drücken ihre körperliche, emotionale und kognitive Qualität des Augenblicks darin aus. Wenn eine solche Umarmung „gelingt“, beglückt dies beide.
So stelle ich mir dies auch bei den Bewegungen von uke und tori vor. Die Eröffnung macht der tori, das Angebot „wenn Du mich ernsthaft angreifen willst, so ist genau hier die richtige Stelle, um Erfolg zu haben!“. Der uke geht darauf ein und automatisch sind beide Bewegungsabläufe wie Schloß und Schlüssel. Der uke synchronisiert unbewußt von Anfang an seinen Angriff mit dem Angebot. Im Prinzip ist damit eigentlich schon alles wesentliche geschehen! Der tori führt die Bewegung des uke und dies gibt ihm damit auch die Möglichkeit, dem Angriff eine andere Qualität zu geben.
Diese andere Qualität heißt Verteidigung. Aus dem Angebot heraus ist es für den tori möglich, durch sehr kleine, unaufgeregte Veränderungen in der Körperhaltung, Handstellung, Fußstellung, die Interpretation der Situation in ihr Gegenteil kippen zu lassen. Der Angriff des uke wird dann zu seiner Verteidigung. Und zwar auf eine solche Art und Weise, dass der uke die Bewegung nicht einfach stoppen kann. Er muss den Angriff als Verteidigung fortsetzen, damit er sich schützen kann.
Die Aikido-Technik selber dient dann „nur“ noch dazu, diese Verteidigung durch einen Wurf oder eine Haltetechnik auf zu lösen. Der uke muss unbewusst glücklich darüber sein, dass nichts schlimmeres passiert ist. Wenn der tori sein warmes, offenes Herz bis zum Ende beibehält, kann dem uke auch nichts schlimmes passieren. Der Angriff ist verschwunden. Die Aikido-Technik stellt das Medium dar, in der diese Verwandlung geschehen kann. Beide, der uke als auch der tori, tragen zum Gelingen einer solchen Technik bei.
Eigentlich, so meine ich, geschieht die Technik durch dieses Zusammenwirken und nicht durch den tori alleine. Sie stellt das gemeinsame Ergebnis von uke und tori dar. Idealerweise bleiben beide unversehrt und so können beide dieses Ergebnis akzeptieren. Der Ausgangspunkt dafür ist aber das offene Herz des tori. Ohne diese Offenheit gerät das Üben zur Routine, zum Sport, zum Gerangel oder Wettkampf. Jeder von uns kann in jedem Augenblick entscheiden, was einem wichtiger ist. Und was wir davon in unseren Alltag übernehmen wollen.

*veröffentlicht von Thomas Christaller auf thomas-landstrasse.blogspot.de/ *

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.