Die Mutter aller Haltetechniken im Aikido: Ikkyo. Hier in der Ura-Variante

Liebe Aikido-ka,

endlich nehme ich mir wieder die Zeit, etwas zu unserem Üben in den beiden letzten Wochen zu schreiben.

Wir haben im Wesentlichen Ikkyo als Technik für den Angriff Shomen-uchi untersucht. Zuerst ein paar Sätze zu dieser Angriffsform. Sie stammt aus den Zeiten in Japan, wo man noch mit Schwertern, Stöcken, etc kämpfte. Es ist ein Schlag von schräg oben Richtung Haaransatz. Mit einer Waffe geht es darum, dem anderen eine Kopfverletzung bei zu bringen. Führt man aber den Angriff mit bloßen Händen aus, dann stellt sich das als schwierig heraus. Stattdessen habe ich die Vorstellung, mit meinem Handballen, Handwurzel so zu treffen, dass ein Schleudertrauma entsteht, d.h. die Nackenwirbel indirekt getroffen werden. T atsächlich ist es aber so, dass heute so keiner mit bloßen Händen angreift.

Warum macht es dann Sinn, einen solchen Angriff zu üben? Tradition ist für mich nur ein schwaches Argument. Tatsächlich ist der Angriff, wenn er richtig ausgeführt wird, für eine Verteidigung sehr anspruchsvoll. Es gibt nur einen sehr kurzen Augenblick, in dem man „einsteigen“ kann, wenn er trifft, tut es richtig weh, die Einschätzung der Entfernung des Angreifers ist alles andere als einfach. Deshalb nehme ich diesen Angriff lieber als irgendwelche Fauststöße zum Kopf, denn alles was dafür wichtig ist, lernen wir auch beim Shomen-uchi.

Ikkyo heißt die Erste Haltetechnik im Aikido. Auf ihr basieren fast alle anderen Haltetechniken. Deshalb kann man die nicht oft genug üben. Es gibt wie den meisten Aikido-Techniken gibt es auch hier zwei verschiedene Ausführungen. Die eine geht vor dem Körper des Angreifers entlang, die andere über die Rückseite. Japanisch wird das mit Omote und Ura bezeichnet. Beide haben wir geübt.

Worin besteht die Wirksamkeit von Ikkyo? Es wird der Angreifende Arm kontrolliert und durch eine geschickte Hebelwirkung das Schultergelenk, dadurch der gesamte Schultergürtel und schließlich die Wirbelsäule. Der Angreifer wird (aus seiner/ihrer Sicht) nach vorne über aus dem Gleichgewicht gebracht und auf dem Bauch aufkommend auf den Boden „abgelegt“. Den Abschluß bildet ein Festhaltegriff, aus der es zumindest sehr schwierig im besten Falle unmöglich ist, heraus zu kommen.

Was Ikkyo nicht ist: Ein abwehrendes Abfangen des angreifenden Armes! Ich verstehe, dass der erste Reflex das nahe legt, mit beiden Händen den Schlagarm auf zu fangen und zu fassen, eventuell sich auch dabei weg zu ducken, um nicht doch noch getroffen zu werden. Doch man muss schon sehr, sehr muskulär kräftig sein, um auf diese Art und Weise einen solchen Angriff unter Kontrolle zu bekommen. Stattdessen geben wir dem Angreifer eine sehr gute zweite Chance mit dem anderen Arm, Faust von unten kommend an zu greifen. Das ist also gar keine gute Idee.

Stattdessen habe ich sowohl für die Omote als auch Ura Version gezeigt, dass man den vorderen Arm einfach schräg nach oben führen kann und damit die Hauptwucht des Schalges gemindert wird und oft auch schon nach unten weg gleitet. Das funktioniert auch bei einem Fauststoß zum Kopf! Wichtig dabei ist, dass die Schulter dabei nach hinten gezogen wird und man nicht der Versuchung erliegt, möglichst weit mit dem Arm nach vorne zu kommen. Wenn das Timing und der Abstand stimmen, dann berühre ich mit dem Handrücken oder Vorderarm zuerst die Außenseite des Oberarmes des Anderen. Die Bewegungsenergie, die in dem Angriff steckt, sorgt dafür, dass der Schlag weitergeht, denn es gibt keinen direkten Widerstand. Aber er wird schon aus meiner Mitte zur Seite verschoben, kann mich unter Umständen schon jetzt nicht mehr treffen.
Ich führe meinen Arm weiter nach oben und gleite ohne gegen den angreifenden Arm zu drücken an diesem entlang. Sobald ich den Ellenbogen passiert habe kommt mein anderer Arm nach oben und die Hand dieses Armes ist geöffnet wie eine Astgabel. Diese setze ich in einer fließenden Bewegung kurz oberhalb des Ellenbogens des angreifenden Armes an. In der Omote-Variante geht das einher mit einem Schiebeschritt nach vorne. Bei der Ura-Variante mit einem großen Schritt hinter meinen Partner.

Mein Handrücken/Vorderarm des zuerst nach schräg oben bewegten Armes befindet sich jetzt am Handgelenk/Unterarm des Angreifers. die andere Hand stützt wie eine Astgabel von unten den Oberarm des Angreifers. Jetzt kommt der spannende Augenblick: Bitte jetzt nicht zupacken. Wenn Ihr das macht, wird der Angreifer unglaublich stark und kann erneut angreifen . Stattdessen bleibt Ihr nur im Kontakt an diesen beiden Stellen und bewegt die Astgabel mit dem darin liegenden Oberarm über den Kopf des Angreifers. Wiederum Timing und Abstand gut gewählt voraus gesetzt, wird der Angreifer ein Stück die Balance nach hinten verlieren. Nun könnt Ihr in einer gegenläufigen Bewegung die Astgabel nach unten drücken und mit der anderen Hand den Arm nach außen (!) ziehen.

Euer Partner wird dadurch nach vorne gebeugt, verliert noch mehr die Balance und nun ist es ein leichtes ihn/sie bäuchlings auf den Boden zu führen. Ihr selber bleibt während der gesamten Bewegung anstrengungslos aufrecht. Kein Wegducken, kein Vorbeugen, kein Ausweichen. Bei der Omote-Variante geht Ihr einfach immer weiter nach vorne, bis der Partner unten auf dem Boden angekommen ist. Bei der Ura-Variante macht Ihr Taisabaki, Körperdrehung bestehend aus einem Schritt nach vorne, Drehen auf der Stelle, einem Schritt zur 52;ck, und dann noch einmal eine Drehung auf der Stelle, wobei Ihr dann mit dem inneren Knie nach unten auf den Boden geht.

Naja, und das jetzt tausende Male mit hunderten von verschiedenen Menschen üben 🙂

Viel Spaß dabei!
Euer
thomas

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