Im Aikido gibt es keinen Kampf

Liebe Aikido-ka,

hier also wieder meine schriftliche Zusammenfassung vom gestrigen Training.

Ich habe mich sehr gefreut, so viele bekannte Gesichter wieder zu sehen, aber auch ein paar neue. Herzlich willkommen!

Wie immer zu Beginn eines Kurses habe ich eine kurze spontane Demonstration meines aktuellen Verständnisses von Aikido gegeben. Vielen Dank, Judith, für das Ukemi!

Dann habe ich diese Interpretation versucht, in Worte zu fassen. Einige wesentliche Punkte will ich hier gerne wiedergeben.

Im Aikido gibt es keinen Kampf. Historisch ist Aikido aus dem Daito Ryu Aiki-Jujutsu entstanden, einer Jahrhunderte alten Kampfkunst, die in dem Takeda-Clan entwickelt und weiter gegeben wurde. Sie hat gegen Ende des Zweiten Weltkrieges durch Morihei Ueshiba eine massive Veränderung erfahren und rechtfertigt so, dass dies einen eigenen Namen, Aikido, erhalten hat. Zum einen ist der Umfang der tradierten Techniken radikal verkleinert worden. Zum anderen soll Aikido als Mittel verwendet werden, um Frieden zwischen den Menschen zu schaffen.

Das deutlich verkleinerte Basis-Curriculum erlaubt es, diese Kampfkunst in relativ kurzer Zeit sich technisch an zu eignen. Die Uminterpretation des ursprünglichen Zieles, Gegner mindestens zu verletzen aber am Besten gleich zu töten, in Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, könnte krasser nicht sein. Allerdings ist dies in den fernöstlichen Kampfkünsten weit verbreitet. je älter die MeisterInnen werden desto stärker betonen sie, dass ihre Kampfkunst dazu da sein, Harmonie und Frieden zu schaffen. Und zwar nicht durch Beherrschung der Andersdenkenden sondern durch das Transzendieren von Konflikten und Aggression.

Mein Bild dazu ist die Vorstellung einer Nebelwand, die so dicht aussieht wie eine echte Wand. Aber anstatt sich davor zu fürchten oder mit einem Presslufthammer darauf los zu gehen, genügt es, die Morgensonne scheinen zu lassen, die den Nebel einfach auflöst. So, als ob er nie da gewesen ist. Das ist natürlich ein Bild, eine Imagination. Ist aber wichtig, um die richtige innere Haltung zu entwickeln, mit der man im Falle eines Konfliktes eben so handeln kann, dass dieser sich wie Nebel auflösen lässt. Nur so gibt es die Möglichkeit, mit dem Anderen ins Gespräch zu kommen und zu schauen, warum es zu dem Konflikt gekommen ist und wie man den verstehen kann.

Deshalb geht es für mich im Aikido nicht darum, stark zu werden, Tricks zu lernen. Es geht darum, eine aufrechte und aufrichtige Persönlichkeit zu werden. Damit man im Fall des Falles sagen kann: Nein. So nicht. Ohne selber zum Angreifer oder aggressiv zu werden. Es geht darum, Kampf im Keim auf zu lösen. Es gibt beim Aikido keinen zweiten Angriff. Schon beim ersten Angriff wird dieser aufgelöst und der Angreifer ins Leere laufen gelassen.

Wir haben dann das Aufwärmen gemacht, das bei mir aus einer Mischung von Yoga-inspirierten Übungen, traditionellen Übungen aus den japanischen Kampfkünsten und speziellen Übungen als Vorbereitung für die Bewegungen, die im Aikido vorherrschend sind. Wichtig sind für mich Beweglichkeit und Ausdauer/Kondition. Das habt Ihr dann wahrscheinlich auch so erlebt. Die Atmung bzw. das Atmen ist in allen Kampfkünsten zentral. Deshalb gibt es zahlreiche Übungen dazu und wir haben gestern zwei davon kennen gelernt. Eine etwas sanftere und eine intensivere. Ohne Atmung können wir nicht leben und wir sind es so gewohnt, dass wir selten darüber nachdenken, wie wir atmen. In allen Kampfkünsten und in vielen Sportarten wird aber eine charakteristische Atmung vermittelt, die sich als optimal heraus gestellt hat. Worin dies genau beim Aikido besteht, werden wir in den nächsten Wochen erfahren.

Beweglichkeit bedeutet für mich: Alle Gelenke, so weit es nur irgend geht, aus zu nutzen, von denen wir Menschen 143 besitzen (sogenannte echte Gelenke). Spätestens im Alter ist Beweglichkeit der entscheidende Faktor, ob man „gut altert“ oder nicht. Sie geht einher mit geistiger Beweglichkeit, geringerer Anfälligkeit, zu stürzen, dement zu werden, etc. Und um die eigene Beweglichkeit zu fördern, können wir nicht früh genug anfangen! Yoga ist ein System, in dem sowohl Beweglichkeit als auch allgemeine Kräftigung der Muskeln zentral sind. Yoga diente dazu, Menschen ein möglichst langes Meditieren in vollständiger Ruhe zu ermöglichen, ohne darüber steif und krank zu werden. Es hat sich über Jahrhunderte hinweg darin bewährt.

Als einzige Aikido-spezifische Übung haben wir die Vorbereitung für die Rolle rückwärts gemacht. Und dabei auch unseren Kreislauf auf Touren gebracht 🙂

Vor etlichen Jahrzehnten habe ich meinen damaligen japanischen Lehrer gefragt, mit welcher Aikido-Technik man am Besten in einem Anfängerkurs starten sollte. Er konnte mir keine befriedigende Antwort geben. Denn eigentlich sind alle Techniken irgendwie alle gleich schwierig und ungewohnt. Über meinen zweiten japanischen Lehrer, Nobuyuki Watanabe, habe ich gelernt, dass der Augenblick des ersten Kontaktes der entscheidende beim Aikido ist. Eigentlich sind es sogar die Sekunden vor diesem ersten Kontakt zusammen mit diesem. Da wird schon alles erledigt. Die sogenannte Aikido-Technik, die sich dann ergibt, ist eher so etwas wie eine sichtbare Feststellung davon. Deshalb beginne ich Kurse immer mit sogenannten Kontaktübungen. Und so haben wir dies auch gestern begonnen.

Um Üben zu können, macht es Sinn, ein gestelltes Szenario zu haben. Das muss natürlich schon auch eine gewisse Realitätsnähe haben, aber es darf auch ein wenig choreografiert sein. Wenn wir vertrauter mit den Bewegungsabläufen sind, dann können wir uns immer mehr von dieser Choreografie lösen. Der Begründer des Aikido, Morihei Ueshiba, sagte, dass es am Ende keine Techniken gäbe und das Training darauf hinzielen solle, dass man keine Technik mehr benötigt. Im Aikido ist es üblich, einen Angreifer zu haben (jap. Uke, der Empfangende) und einen Verteidiger (jap. Tori, der Belehrende, oder jap. Nage, der Werfende oder Gebende). Wir verabreden am Anfang immer die Art des Angriffes und auch die zu übende Technik.

In unserem Falle heißt der verabredete Angriff jap. Katate-dori Ai-hanmi, deutsch: die rechte/linke Hand des Angreifers erfasst den rechten/linken Unterarm des Verteidigers. „Ai“ ist dasselbe wie im „Aikido“ und bedeutet: sich anpassen, wird oft fälschlicherweise mit „Harmonie“ oder „Liebe“ übersetzt. „Hanmi“ heißt „Halbstand“ und meint, ein Fuß steht weiter vorne als der Andere und der hintere steht mehr oder weniger rechtwinklig zum vorderen, die Zehen zeigen also zur Seite. Der Grund, warum Uke den Unterarm erfasst, liegt darin, dass er damit den Tori/Nage aus dem Gleichgewicht bringen kann und mit der anderen Hand oder Knie ode rFuß des hinten stehenden Beines den eigentlichen Angriff, z.B. direkten Fauststoß zum Kopf, ausführen kann.

Die Aikido-Übung bestand erst einmal darin, dafür zu sorgen, dass der Griff des Uke nicht optimal erfolgen kann. Optimal ist es, wenn der Uke von oben zugreifen kann. Wenn wir den Uke dazu bringen können, dass der Griff von unten erfolgt, dann können wir allein dadurch schon den Uke aus der Balance bringen und dafür sorgen, dass die zweite Hand gar nicht oder nur schwer angreifen kann. Das erreichen wir dadurch, dass wir im geeigneten Augenblick unsere Hand, die wir mit de rHandfläche nach oben dem Uke anbieten, in einem Halbkreis führen. Das senso-motorische Steuerungsprogramm im Menschenhirn ist für diese Situation so eingerichtet, dass die greifende Hand das sich bewegende Objekt, meinen Unterarm, verfolgt, so lange sich der Abstand zwischen Hand und Unterarm verkleinert. Und das sogar, wenn sich die Lage des zu ergreifenden Objektes im Raum verändert.

Jetzt ist meine Hand oberhalb der greifenden Hand vom Uke. Ich kann zulassen, dass der Griff tatsächlich erfolgt. Ich darf nur selber nicht zugreifen. Stattdessen blockiert mein Daumen den Einsatz des Ellenbogens und meine anderen Finger zeigen mehr oder weniger deutlich auf die Kehle vom Uke. Dadurch zwinge ich diesen, tatsächlich zu zugreifen und den Griff bei zu behalten, da er sonst befürchten muss, dass die Finger in seine Kehle stoßen. Keine nette Vorstellung. Dabei übe ich keinerlei Druck nach unten aus sondern sitze einfach auf der greifenden Hand.

Der zweite Teil der Übung bestand nun darin, die eigene zweite Hand zum Einsatz zu bringen und den Uke auf den Bauch am Boden „ab zu legen“. Dabei erfolgen mehrere Bewegungen gleichzeitig. Zum einen ziehe ich den hinteren Fuß genau neben den vorderen heran und setze den vorderen Fuß zurück an die Stelle, wo der hintere gerade eben war. In der Terminologie des Aikido bin ich von Ai-hanmi in Gyakku-hanmi (verkehrter Stand) gewechselt. Idealerweise mache ich das so, dass der Uke davon möglichst wenig spürt. Gleichzeitig setze ich meine linke Hand in Form einer Astgabel in der Ellenbogenbeuge des greifenden Armes an. Dies auch wieder so, dass möglichst kein Druck in irgendeine Richtung ausgeübt wird.

Und dann gebe ich dem Unterarm einen Impuls als ob ich ein Knallbonbon auseinander reiße. Allerdings nur so, dass der Impuls dazu entsteht. Im selben Augenblick gibt es eine Erschütterung beim Uke, seine gesamte Muskulatur entspannt sich für einen sehr kurzen Augenblick, den ich aber sofort ausnutze. Ich führe den Unterarm vom Uke, der parallel zum Boden ausgerichtet sein und bleiben muss, kontinuierlich senkrecht nach unten, indem ich in die Knie gehe und die Kraft dafür aus meinem physikalischen Schwerpunkt hole, der ungefähr auf der Höhe des Bauchnabels sich befindet. Dadurch muss der Uke sein vorne stehendes Bein nach hinten ziehen und legt sich scheinbar freiwillig auf den Bauch. Ziemlich überraschend, nicht wahr?

Die restlichen zehn+ Minuten haben wir dann darauf verwendet, die allererste Aikido-Technik zu üben, die traditionell jap. Shiho-nage (Vierseitenwurf) genannt wird. Das werden wir am kommenden Dienstag uns noch einmal genauer anschauen und auch länger üben. Nach einer abschließenden Atemübung haben wir dann das erste Training im Ferienkurs beendet.

Vielen Dank für Euer Kommen, Eure Aufmerksamkeit und das gemeinsame Üben.

Bis nächsten Dienstag,
Euer
thomas

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