Was das Web über einen so aufbewahrt! Und was man dann daraus machen kann …

Social Media sind ein wichtiges Instrument, sich mit anderen Menschen zu vernetzen, in Kontakt zu bleiben oder Gleichgesinnte zu finden. Dazu muss man sich selber im Web präsentieren, bekannt machen. Doch unabhängig von den Profilen auf der eigenen Facebook-Seite oder bei Xing und LinkedIn schreiben möglicherweise auch andere über mich. Und so macht es Sinn, ab und an einmal nach sich selber im Web zu suchen.
Bei meinem heutigen Check fand ich folgende Web-Seite: Bild der Wissenschaft
Das ist jetzt schon wieder acht Jahre her und nach meinem Ausstieg aus der Wissenschaft erscheint mir dies wie eine andere Welt. Eine, die ich zumindest im Augenblick nicht vermisse, aber dankbar bin, mit dabei gewesen zu sein. Ich werde da natürlich als Leiter eines ziemlich großen Fraunhofer-Informatikinstitutes porträtiert und sie schreiben ja auch nur nettes oder interessantes über mich. Aber es stimmt alles. Selbst nach den vielen Jahren, kann ich nachvollziehen, warum mich das so begeistert hat.
Es stimmt auch, dass die Fusion zwischen Fraunhofer Gesellschaft und dem GMD Forschungszentrum für Informationstechnik bei mir den Ausschlag gegeben hat, dieses Leben aufzugeben.
Mich hat immer das Risiko gereizt, Fragen zu stellen, die schwierig zu beantworten sind. Oder auf einfache Fragen ungewöhnliche Antworten zu finden. Zum Zeitpunkt der Fusion in 2001 hatte ich die Überzeugung gewonnen, eine Erklärung zu haben, was und warum Menschen „intelligent“ sind. Die evolutionäre Entwicklung führte unsere Vorfahren in ein Dilemma. Die große Vielfalt im Verhalten, die sich bei uns heutigen Menschen in den vielfältigen Kulturen ausdrückt, wo schon ganz einfache soziale Verhaltensweisen ganz unterschiedlich durch Bewegungen, Körperhaltung, Mimik, Gestik und Sprache ausgedrückt werden können, sorgte parallel für eine große Unsicherheit: was meint der andere Mensch wirklich? Was wird er als nächstes tun? Welches Ziel verfolgt er? Die Lösung dieses Dilemma ist unsere „Intelligenz“. Sie besteht meines Erachtens in erster Linie aus unserer Kompetenz, menschliches Verhalten in unserem Gehirn durch zu spielen. Ich habe das spontan Probehandeln genannt, auf englisch rehearsal. Später sagte mir Gerhard Strube, Professor für Kognitionswissenschaft, dass Sigmund Freud ebenfalls diesen Begriff für dasselbe Phänomen verwendet hat, aber ohne dieselben Konsequenzen zur Erklärung der menschlichen Psyche daraus zu ziehen.
In 1995 hatte ich den ersten Artikel zu dieser Hypothese geschrieben und dazu mehrere intuitive Beispiele gebracht. Eines davon war auch Aikido. In einer Kampfkunst muss man sich vorstellen können, wie ein Angreifer, der einem möglicherweise an den Kragen gehen will, handeln kann. Dieser wird seinerseits meistens alles dafür tun, das zu verheimlichen. In wettkampf-orientierten Sportarten kann man das sehr gut beobachten. Es geht darum, den anderen zu täuschen über die wahren Absichten und die Handlungsalternative, die sich einem als aussichtsreich eröffnet. Spannend daran ist, dass hier nur sehr wenig Zeit bleibt, um Entscheidungen zu treffen.
Das führte mich zur Überzeugung, dass das Probehandeln in aller Regel nicht in der aktuellen Situation erfolgt. Dafür steht nicht genug Zeit zur Verfügung. Wer innerhalb von 100msec oder sogar weniger agieren muss, kann nicht den Präfrontalkortex im Entscheidungsprozess einsetzen. Also muss das Probehandeln vorher geschehen. Das ist aber eine alltägliche Beobachtung, dass wir uns vor einem wichtigen Ereignis, in dem wir eine Rolle spielen sollen, Szenarien ausdenken, wie das wohl ablaufen wird, was wir tun können, etc. Sind wir dann in der Situation, dann werden diese mehr oder weniger vorgedachten Handlungen nach einfachen Kriterien gefiltert, eine ausgewählt und durchgeführt.
Der freie Wille entscheidet lange vor der Tat. Sobald es zu einer Situation kommt, in der unter Zeit- oder sonstigem Ressourcendruck gehandelt werden muss, können dann die Handlungen bevorzugt werden, die der freie Wille vorher als besonders günstig erkannt hat. Es sei denn, der Stress wird so gross, dass auf die Ergebnisse des Probehandelns nicht mehr zugegriffen werden kann. Deshalb kann ich aussagen, wie „es gibt keinen freien Willen“ nicht nachvollziehen. ein Einbruch, eine Steuerhinterziehung, konsequentes Übersehen von Geschwindigkeitsbegrenzungen, Plagiate in einer Doktorarbeit bedürfen alle des Vorsatzes und ggf. der Planung. Unvermeidlich werden dabei auch Alternativen erwogen, die regelkonform sind und jeder Mensch kann sich dabei so oder so entscheiden. Wenn dann die Situation da ist, ist das entweder ein Straftatbestand, gefährlich oder unmoralisch oder nicht. Zurecht betrachtet unser Recht nicht nur den Zeitraum, in dem eine Handlung begangen wurde, sondern auch den Entscheidungsprozess davor.
Da beginnt das wahre Üben in einer Kampfkunst: wie bleibe ich in diesem Sinne autonom und behalte meine Handlungsalternativen, obwohl eigentlich der Stress, die Gefahr, die Überraschung so groß sind, dass eigentlich nur noch das Rückenmark schnell genug wäre.
Das und was alles daraus folgt, interessierte mich brennend. Aber in einem Fraunhofer Institut war das unmöglich, die Forschung zu betreiben, um Antworten darauf zu finden. In der konkreten Situation, in der wir 2003 waren, ging es in erster Linie darum, das Institut innerhalb der Fraunhofer Gesellschaft überlebensfähig zumachen. Meine Forschungsinteressen mussten einfach zurück stehen. Inzwischen ist das institut fast doppelt so groß und gehört zu den wirklich erfolgreichen Informatikinstituten der Fraunhofer Gesellschaft. Das mit bewirkt zu haben, empfinde ich als eine große Genugtuung, da dies alles andere als klar war. Wahrscheinlich haben mir meine Überlegungen zur menschlichen Intelligenz dabei geholfen, diese Herausforderung zu bestehen. Aber es hat mir gleichzeitig die Ressourcen genommen, meinen Forschungsinteressen nach zu gehen.
Deshalb habe ich konsequent meinen vorzeitigen Ausstieg aus der Fraunhofer Gesellschaft vorbereitet. Auf Dauer wäre ich in dieser Aufgabe entweder nicht glücklich geworden oder erfolgreich geblieben und schlimmstenfalls beides.
Dasselbe Interesse an der menschlichen Intelligenz bewegt mich nun beim Aikido. Dies ist für mich ein anderer weg, um zu Antworten zu denselben Fragen zu kommen. Und die sind nicht weniger aufregend als die wissenschaftlichen.

*veröffentlicht von Thomas Christaller auf thomas-landstrasse.blogspot.de/ *

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