Was wirst Du als Nächstes Tun? Fortsetzung

Im letzten Beitrag habe ich dargestellt, wie und warum das Vorhersagen des Verhaltens anderer Menschen wichtig für uns ist. Offen blieb, was das mit Aikido zu tun hat. Und ob wir aus Neuro- und Verhaltensbiologischen Erkenntnissen dafür Honig saugen können. Wie im Wettkampfsport geht es in den Kampfkünsten erst recht darum, den anderen über die nächste Bewegung im Unklaren zu lassen. Oder als „Verteidiger“ auf alle möglichen Angriffe gewappnet zu sein, die da kommen können. Am besten wäre es, wir wüssten, wie der andere sich in der nächsten Sekunde bewegen wird!
Als tori macht es deshalb Sinn, ein unwiderstehliches Angebot an den uke zu machen. Unwiderstehlich insofern, als es für den uke keine bessere Gelegenheit als jetzt gibt anzugreifen und keine bessere Form des Angriffs als die, die der tori nahe legt. Je subtiler dieses Angebot gemacht wird und je ehrlicher es gemeint ist, desto wahrscheinlicher wird der uke es annehmen. Er muss eine echte Chance haben, mit dem Angebot des tori angreifen und mit dem Angriff auch treffen zu können. Wenn schon von Anfang an klar ist, der Angriff ist wirkungslos, wird der uke nicht von sich aus kommen und vor allem auch nicht die notwendige Energie rein stecken, aus der heraus dann eine Aikido Technik entstehen kann.
Ein solches Angebot wird überzeugend, wenn der tori dem uke offen begegnet. als Anfänger mag es aus didaktischen Gründen vernünftig sein, in der tori Rolle eine bestimmte Position einzunehmen – üblicherweise die mit hanmi bezeichnete, in der Fuss und Hand derselben Körperseite etwas weiter vorne ist als die der anderen Seite und der Körper dadurch etwas schräg steht. Es ist aber viel überzeugender, wenn tori und uke sich auf einander zubewegen und im Augenblick des ersten Kontaktes die hanmi Position vorübergehend, ganz flüchtig, eingenommen wird.
Ist der uke vom Erfolg seines Angriffes überzeugt, so gibt es einen Punkt in seiner Bewegung, in der diese – als Angriff – nicht mehr so ohne Weiteres zurück genommen oder gestoppt werden kann. Das gelingt nur noch um den Preis, die Balance zu verlieren und die Angriffsenergie in gewisser Weise zu verlieren. Dieser Augenblick findet kurz vor der ersten Berührung statt. Kurz bevor der uke den Unterarm ergreift oder sein Schlag auftrifft, ist der Moment für den tori gekommen, die Situation kippen zu lassen. Durch eine veränderte Haltung, die überraschende Fortsetzung der eigenen Bewegung, kann der tori den Angriff in etwas anderes verwandeln.
Für den uke entsteht das Gefühl, den Angriff fortsetzen zu müssen, aber jetzt, um sich zu schützen und nicht mehr, um auf den anderen einzudringen. Der Griff oder Kontakt am Unterarm muss aufrecht erhalten, der Schlag muss an dem Kontaktpunkt kleben bleiben, damit der tori keinen atemi geben kann. Wenn gleichzeitig die Balance genügend verloren geht, dann kann die aikido Technik passieren. ob das dann ikkyo wird oder shiho nage ist eigentlich egal. Im Unterricht wird das ja immer angesagt. Aber letztlich erscheint mir wichtig zu sein, dass dann die Technik einfach geschieht, zum Erstaunen beider, des uke aber auch des tori.
Und was hat das nun mit der Vorhersagefähigkeit zu tun? Der tori bewegt sich so, dass es für den uke – vorausgesetzt, dieser will angreifen – es vernünftigerweise nur eine bestimmte Bewegung des Angreifens gibt. Alle anderen müssen als schwieriger oder gefährlicher erscheinen. Damit wird der uke für den tori vollkommen berechenbar. Damit kann der tori viel angemessener und eigentlich in aller Ruhe daran gehen, den uke zu führen, so lange, bis die physische und psychische Energie des uke sich erschöpft hat. Die Bewegungen des tori müssen dazu dem uke immer wieder neue Einstiegsmöglichkeiten geben. Der tori muss darauf verzichten, sich gegen einen oder alle möglichen Angriffe verteidigen zu wollen. Er darf und braucht sich nicht zu schützen. Der Angriff des uke, der dadurch vorherbestimmbar wird, gibt den Schutz. Wenn der uke gut fallen kann und beweglich ist, dann kann er sich auch in der Aikido-Technik schützen. So sinkt die gegenseitige Verletzungsgefahr. Der tori will sich nicht verteidigen, der uke greift richtig und überzeugend an, gemeinsam wird dann die potenzielle Gefahr gebannt. In einem Wurf oder einem Haltegriff.

Wenn das stimmen sollte, dann stellen die Sekundenbruchteile vor dem Beginn des Angriffs die Entscheidenden dar. Hier bestimmt das Verhältnis zwischen tori und uke, ob daraus ein Ausdruck des Aikido werden kann oder nicht. Das fällt vielleicht nicht so auf, da wir uns beim Aikido erst in die hanmi-Position bringen und dann für uns das Spiel beginnt. Aber es beginnt schon vorher. Die hanmi-Haltung ist nur eine kurze Zwischenphase. Das Wichtigste ist da schon passiert. Wer sich in hanmi hinstellt und dem uke erlaubt anzugreifen, lässt diesem zu viele Möglichkeiten. Man selber hat aber nur eine. Es geht darum, das umzukehren. Sich als tori ganz viele Möglichkeiten offen zu halten und dem uke möglichst nur eine. Dann ist alles ganz einfach und klar.

*veröffentlicht von Thomas Christaller auf thomas-landstrasse.blogspot.de/ *

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