Was wirst Du als Nächstes Tun?

Über viele Jahre hinweg habe ich auf unterschiedliche Art und Weise versucht, künstlich Intelligente Systeme zu konstruieren. Die Ausgangsfrage für die veschiedenen Versuche lautete: Was ist menschliche Intelligenz? Die Standardantwort lautet: Die Fähigkeit Probleme zu lösen, Sprache zu benutzen, logisch zu denken, Pläne zu machen, aus Erfahrungen zu lernen. Aber was ist dem allem gemeinsam? Und warum entstand „Intelligenz“ überhaupt?
Meine Vermutung dazu lautet: Primaten und damit auch wir Menschen haben durch das Evolutionsprinzip zwei Eigenschaften ausgeprägt, die eigentlich nicht miteinander verträglich sind. „Intelligenz“ macht sie einigermassen verträglich miteinander. Die erste Eigenschaft betrifft unsere Lernfähigkeit. Alle Lebewesen sind in unterschiedlicher Weise lernfähig. Die der Primaten zeichnet sich durch das große Ausmaß aus, in dem Verhaltensweisen immer weniger durch die Gene festgelegt werden.
Mein Lieblingsbeispiel ist das Begrüßen zweier Menschen. Wir in Mitteleuropa begrüßen uns üblicherweise durch „Händeschütteln“. Bei Männern kommt häufig Umarmen verbunden mit Schulterklopfen dazu, bei Frauen umarmen mit Luftküssen. Diese Art sich zu begrüßen ist abhängig von dem sozialen und kulturellen Kontext. In anderen Kulturen kann das vollständig anders aussehen: Voreinander verbeugen, auf die Knie gehen, Hände zusammen legen. Alle diese Begrüßungen werden durch ganz unterschiedliche Bewegungsmuster realisiert.
Ich vermute, dass es eine genetische Veranlagung für Begrüßen gibt, aber die konkreten Bewegungsabläufe können sehr unterschiedlich sein. Interessant scheint mir folgende Überlegung. Wenn wir in eine uns fremde Kultur kommen, dann werden wir sofort die Bewegungsmuster erkennen, mit denen sich Menschen in dieser Kultur begrüßen, auch wenn wir die entsprechenden Bewegungen nie vorher gesehen haben und wahrscheinlich auch nicht in der Lage sind, sie nachzumachen.
Diese hohe Variabilität und indirekte Verbindung zwischen genetischer Veranlagung und tatsächlicher Ausprägung verschiedenster Verhaltensweisen sorgt einerseits für eine große Verhaltensvielfalt. Und andererseits macht sie jeden einzelnen Menschen in seinem Verhalten für andere Menschen potenziell unberechenbar. Wir merken das immer genau dann, wenn sich jemand nicht an die Regeln menschlichen Zusammenlebens hält. „Das hätte ich nicht von ihm/ihr gedacht!“ „Was machst Du da?“ und „Warum machst Du das?“ sind gar nicht so seltene Äußerungen im Zusammenleben.
Die andere in diesem Zusammenhang wichtige Eigenschaft besteht in unserer Fähigkeit, soziale Gemeinschaften zu bilden. Das ist nichts ungewöhnliches und kommt bei vielen Lebewesen vor. Doch unterscheiden sich unsere Sozialgemeinschaften von denen der Ameisen und Bienen dadurch, dass wir persönliche Beziehungen zu anderen Menschen haben. Und wir sind zwingend auf Menschengemeinschaft angewiesen. Isolationshaft bedeutet, jeden menschlichen Kontakt zu unterbinden. Dies kann tödlich enden.
Wir sind potenziell in unseren Verhaltensmöglichkeiten freier als viele andere Lebewesen, andererseits sind wir auf persönliche Sozialbeziehungen angewiesen. In jeder Gemeinschaft können wir beobachten, wie schnell Missverständnisse zwischen Freunden, Partnern, Liebenden, Geschwistern, Kollegen, etc. entstehen. Obwohl sich alle Beteiligte seit Jahren „kennen“. Nicht zu vergessen die Überschreitungen von Regeln, Verordnungen und Gesetzen. Und welch Aufwand von allen getrieben wird, sich selbst und alle anderen berechenbar zu machen. Verträge, Versprechungen, Verabredungen, Schwüre, Kautionen, Strafandrohung, Atomsperrvertrag, Menschenrechte, Militärbündnisse sollen uns die Sicherheit geben, dass wir möglichst keine Überraschungen mit den anderen Menschen erleben.
Aber wir verlassen uns nicht ausschliesslich auf solche Zusicherungen. Zumindest im direkten Umgang miteinander ziehen wir unsere direkten Beobachtungen zu Rate. Verhält der Andere sich so, dass ich ihm (oder ihr) vertrauen kann? Stimmen Mimik, Gestik, Tonlage, Wortwahl zusammen? Wir trauen uns zu, aufgrund solcher Beobachtungen die Verlässlichkeit und Wahrhaftigkeit anderer Menschen einzuschätzen. Warum?
Wir – und andere Lebewesen insbesondere Primaten – verfügen über ein wunderbares neuronales Teilsystem in unserem Gehirn, das uns einen indirekten Zugang zu den Absichten und Zielen anderer Menschen verschaffen. Es sind die sogenannten Spiegelneuronen, die u.a. im prämotorischen Kortex sowohl feuern, wenn ein Individuum eine Handlung ausführt als auch wenn die gleiche Handlung bei jemand anderem beobachtet wird (siehe mirror neuron). Es gibt viele Spekulationen dazu, insbesondere den Zusammenhang mit dem emotionalen System und der Fähigkeit des Mitfühlens und -empfindens angeht.
Was kann das Gehirn mit der „Information“ eines Spiegelneuron anfangen, die aufgrund einer beobachteten Handlung zustande kommt? Da Spiegelneurone ebenfalls aktiv sind, wenn man selber diese Handlung durchführt, muss es eine neuronale Verbindung aus den Hirnarealen geben, in denen die Handlungsziele und -absichten bestimmt werden. Feuert ein Spiegelneuron aufgrund einer beobachteten Handlung, so könnte diese Verbindung in umgekehrter Richtung durchlaufen werden und auf dem Wege überall eine ähnliche neuronale Aktivität erzeugen, die erzeugt würde, wenn man selber diese Handlung ausführen würde. Auf diese Art und Weise können wir Vermutungen anstellen, warum der andere so handelt, wie wir es beobachten können.
Je mehr Gemeinsamkeiten wir mit dem anderen Menschen haben, Sprache, Kultur, Gemeinschaftserlebnisse, Familienbande, desto sicherer sind wir darin, den anderen zu verstehen. je „Fremder“ einem ein Mensch ist, desto schwieriger fällt es uns, das Verhalten des Anderen genügend gut vorherzusagen und die dahinter stehenden Absichten zu erkennen. Die Vorhersagefähigkeit des möglichen Verhaltens anderer Menschen dient dem sozialen Zusammenhalt. Wir können uns dadurch besser koordinieren, Konflikte im Vorfeld vermeiden, gemeinsame Ziele verabreden und verfolgen. Die gegenseitige Beobachtung stellt die beste soziale Kontrolle dar, um Regelverstöße, Trittbrettfahrerei, Betrügereien und ungerechte Vorteilsnahme zu verhindern. Das erreichen wir durch offene Bürotüren, Marktplätze, Cafés, Straßenbeleuchtung, einfach nur Leuten zuzuschauen (auf deutsch: gaffen) und durch Klatsch und Tratsch.
Meiner Meinung nach stellt diese Form der Vorhersagefähigkeit des möglichen Verhaltens anderer Menschen den Kern, die Ausgangsbasis von dem dar, was wir als menschliche Intelligenz bezeichnen. Die Vermutungen über die inneren Absichten beobachtbarer Handlungen führt zum logischen Denken. wenn dieser Mensch dieses tut, denkt er das. Dann wird er als nächstes dieses oder jenes tun. Wie beim Schachspiel entwickeln wir eine Systematik, Regeln, um den anderen „auszurechnen“ oder eben berechenbar zu machen. Wie in vielen Forschungsarbeiten gezeigt wurde und immer noch wird, genügen schon kleinste Veränderungen vor allem in der Mimik aber auch der Körperhaltung und Gestik, um die inneren Absichten sichtbar zu machen.
Ein eingespieltes Team zeichnet sich dadurch aus, dass schon kleinste Andeutungen von Bewegungen die dazu korrespondierenden und damit sich synchronisierenden Bewegungen bei den anderen Mitgliedern ausgelöst werden. Bei den olympischen Spielen können wir die Bobfahrer dabei beobachten, wie sie vor dem konkreten Rennen, die Bahn gemeinsam in Gedanken abfahren. Ein Ausdruck größter Konzentration aber auch der größten Ruhe stellt sich für den Beobachter ein. Und dann fahren sie. Dasselbe gilt für Ehepaare, Geschwister, für alle Menschen, die viele Jahre auf engem Raum zusammen leben. Vorausgesetzt, sie können sich gegenseitig prinzipiell ertragen!
Tanzen ist ein besonderes Beispiel für das spontane aufeinander Abstimmen von Bewegungen. Zumindest beim Paartanz gilt das. Hier wird auch überdeutlich, dass eine Art von blindem Vertrauen notwendig ist. Wir müssen sicher sein, der andere wird genau da sein, wo wir es erwarten. Wir müssen gar nicht hinschauen und kontrollieren. Der andere ist für uns da.
Aber dasselbe gilt auch für Gegner in einem Wettkampfsport wie Tischtennis. Die Bälle fliegen so schnell über die Platte, dass es unmöglich ist, die Flugbahn genau zu verfolgen, den Aufprall abzuwarten und dann zu entscheiden, was man selber tun will. Gute Tischtennisspieler stehen schon längst an der richtigen Stelle, bevor der Ball auf ihrer Seite angekommen ist. Bei gleich starken Spielern sieht das Spiel dann auch eher wie ein Tanz aus. Und je besser die Spieler sind, desto schöner sieht es aus und wirkt immer mehr wie ein Tanz. Im Unterschied dazu gibt es aber Pluspunkte, wenn es gelingt, den anderen aus dem Rhythmus zu bringen und und wenn einem das häufiger gelingt als dem anderen, dann hat man gewonnen. Im Tanz versuchen wir die gemeinsame Bewegung so lange wie möglich aufrecht zu erhalten, im Wettkampf dagegen so schnell wie möglich zu unterbrechen. Das Mittel dazu ist beide male dasselbe: Vorhersage.

Metabemerkung: Der Artikel ist jetzt noch nicht ganz zu ende, aber so weit, dass er ins Netz gehen kann …

*veröffentlicht von Thomas Christaller auf thomas-landstrasse.blogspot.de/ *

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